Spekulanten verknappen Lebensmittel
In "Geld arbeitet nicht" werden Strukturen und Geschäftstätigkeiten von Hedgefonds ausführlich beschrieben. Hedgefonds sind außerordentlich aggressive und aktive Händler. Sie dominieren das Geschehen in der Finanzwirtschaft. Nach dem Platzen der Kreditblase in den USA haben sie in der Spekulation mit Rohstoffen ein neues Betätigungsfeld gefunden. Am Beispiel des Hedgefonds Amaranth wird in "Geld arbeitet nicht" belegt, dass Preise von Rohstoffen nicht nur durch Angebot und Nachfrage gebildet werden, sondern in hohem Maße Resultat von Spekulationen sind. "Wir haben das Vertrauen verloren, dass die Preise Angebot und Nachfrage korrekt widerspiegeln", beklagt Laura Campell, Vertreterin des Stadtwerkeverbands American Public Gas Association nach dem bekannt werden der Amaranth Geschäfte. Nach Einschätzung von Opec-Präsident Chakib Khelil ist genügend Öl auf dem Markt: "Wenn die Preise jetzt hoch sind, hat das nichts mit einem Mangel an Rohöl zu tun. Das hat damit zu tun, was in den USA passiert - mit der Finanzkrise, der Dollarschwäche und der Spekulation an den Rohstoffmärkten", so Khelil.
An den Zahlen der Warenterminbörse in Chicago kann man ablesen, wie stark Spekulanten an den Warenterminbörsen mitmischen. Die Fondsmanager sind nicht am Weizen, dem Reis oder dem Öl interessiert, sondern nur an den Kursschwankungen. Daher halten sie sowohl Kauf- als auch Verkauf-Positionen desselben Rohstoffs. Diese Positionen sind seit 2005 - als Rohstoffe keine sonderlich beliebte Anlage waren - extrem gestiegen: beim Weizen von 2,4 Millionen Tonnen auf 23,1 Millionen Tonnen. Beim Reis von 13 000 Tonnen auf 141 000 Tonnen und beim Öl von 41 Milliarden Liter auf 147 Milliarden Liter.
Beim Öl gilt es unter Experten als sicher, dass die Spekulanten für den hohen Preis verantwortlich sind. In der Vergangenheit stieg der Öl-Preis nämlich vor allem dann, wenn die Lager leer waren. Derzeit sind die Tanks der Industrienationen aber gut gefüllt. Der Preis eilt dennoch von einem Rekordhoch zum anderen.
.
Der Handel mit papierenen Rohstoffen und Nahrungsmitteln besitzt eine Eigenheit, die ihn für Spekulanten unwiderstehlich macht. Man braucht weit weniger Eigenkapital als auf den Aktienmärkten. Selbst die strengen Regeln der von der US-Regierung eingesetzten Aufsichtsbehörde Commodity Futures Trading Commission (CFTC) erlauben es jedem Spekulanten, einen Kontrakt für Rohöl zu kaufen und nicht mehr als sechs Prozent des Werts dieses Kontrakts tatsächlich zu zahlen. Das heißt, um ein Barrel Rohöl an der New Yorker Ölbörse NYMEX zu erwerben, brauche ich nur etwa zehn Dollar. Das lockt die Spekulanten in Scharen. Kein Wunder, dass sich alle großen Anleger - ob Großbanken, vor allem die Investmentbanken, Pensionsfonds, Versicherungskonzerne oder Hedgefonds - derzeit an den Warenterminbörsen und im spekulativen Handel mit papierenem Erdöl und anderen Rohstoffen tummeln. Die größten Spieler und größten Preistreiber an der NYMEX, der Londoner International Petroleum Exchange (IPE) und der Intercontinental Exchange (ICE) sind führende Häuser der Wallstreet wie Goldman Sachs, Morgan Stanley, JP Morgan Chase sowie die Bank of America, die französische Société Générale und die Deutsche Bank. Ihnen ist es zu verdanken, dass mittlerweile auch simple Privatanleger vom Typ des klassischen Kleinaktionärs in die boomende Rohstoffspekulation einsteigen. Nicht die OPEC, sondern die Wallstreet beherrscht mittlerweile das Erdölgeschäft.
.
Schon 2006 war dem US-Senat offiziell klar, dass die Finanzinvestoren den vier größten anglo-amerikanischen Ölgesellschaften und der OPEC den Rang abgelaufen hatten. Bis zu 60 Prozent der jüngsten Preissteigerungen beim Erdöl sind ihnen zu verdanken, noch einmal 20 bis 30 Prozent dem Sinkflug des US-Dollars, den Ölproduzenten und -händler zu kompensieren suchen. Mit steigenden Produktionskosten, mit wachsender realer Nachfrage hat der Preisschub jedenfalls kaum etwas zu tun. Die Weltnachfrage nach Rohöl ist seit 2004 um wenig mehr als 1,2 Prozent pro Jahr gestiegen - der Rohölpreis dagegen um mehr als 250 Prozent. Im Januar 2008 überwand er erstmals die 100-Dollar-Marke, danach wurde die Schallmauer von 130 Dollar pro Barrel durchbrochen. Die Produktionskosten eines Barrel Rohöl betragen indes selbst unter ungünstigsten Bedingungen - bei der Ölgewinnung aus Teersanden in Alaska - nicht mehr als 30 Dollar pro Barrel.
.
Alan Underwood, Inhaber eines Handelshauses im texanischen Lubbock, formuliert in einem Brief an die US-Terminmarktaufsicht CFTC: "Wir wollen wieder einen Terminmarkt, auf dem wir uns absichern können. Die Wall Street soll sich ein anderes Kasino suchen."
Die Kreativität der Wall Street hat zudem einen wuchernden Schattenmarkt an Rohstoffinstrumenten hervorgebracht. Was Collateralized Debt Obligations für Kreditinvestoren sind, sind Commodity-Linked Structured Notes oder Commodity-Linked Discount Bonds für Rohstoffaficionados. Michael Rothman, Experte beim Brokerhaus International Strategy & Investment, geht davon aus, dass das gebündelte Volumen solcher außerbörslichen Derivate von 910 Mrd. $ im Juni 2004 auf 5850 Mrd. $ zwei Jahre später zugelegt hat. Tendenz steigend. Denn alle wollen teilhaben und springen kopfüber ins Getreidesilo, dessen Preispegel steigt und steigt und steigt.
Noch nie haben Finanzinvestoren so viel Kapital an den Rohstoffmärkten angelegt wie im ersten Quartal 2008. Das in den Rohstoffmärkten investierte Geld schnellte um 28 Milliarden Dollar auf insgesamt 225 Milliarden Dollar in die Höhe. Der Zuwachs ist zwar zur Hälfte auf kräftige Preissteigerungen an den Märkten zurückzuführen. Aber auch der Umfang des neu angelegten Geldes ist beeindruckend. Das erste Quartal dieses Jahres erlebte nach Berechnungen von Barclays Capital den stärksten Zustrom von Anlagekapital jemals und dreimal so viel wie im gesamten vergangenen Jahr.
Thomas Palley, ehemaliger Chefökonom der US-China Economic and Security Review Commission, hat in einem lesenswerten Artikel die kritische Rolle von Spekulanten beschrieben und sich klar für Regulierungen ausgesprochen:
"Das Grundproblem ist, dass auf den Finanzmärkten momentan zig Milliarden Dollar für Spekulationszwecke mobilisiert werden können. Dies ermöglicht den Händlern, Öl zu kaufen und es rasch zu verkaufen, wenn sich die Endverbraucher an höhere Preise gewöhnt haben – eine Situation, die durch die Regierung Bush noch verschärft wird, da sie den strategischen Reserven der USA beharrlich weitere Ölbestände hinzufügte, damit die Nachfrage in die Höhe trieb und zusätzliche Lagerkapazität zur Verfügung stellte."
In einem lesenswerten Artikel Tödliche Gier berichtet Spiegel-online über die Auswirkungen der Rohstoffspekulation auf steigende Lebensmittelpreise:
" Gewaltige Geldmengen fließen in die Rohstoffbörsen. Das treibt die Preise für Weizen oder Reis weiter in die Höhe. Hedgefonds und Kleinanleger sind für den globalen Hunger mitverantwortlich. ... Spekuliert wird längst nicht mehr nur auf Klassiker wie Öl und Gold, sondern auf alles, was essbar ist und an der Terminbörse in Chicago gehandelt wird. Egal, ob Weizen, Orangen oder Schweinebäuche,
für alles gibt es Terminverträge.
Mit diesen sogenannten Futures können Bauern von jeher ihre Ernte frühzeitig verkaufen - Menge, Preis und Liefertermin lassen sich fest vereinbaren, selbst wenn die Ähren noch im Wind auf dem Acker wehen. Landwirte und Getreidegroßhändler sichern sich so traditionell gegen Wetterunbill und allzu große Preisschwankungen ab.
Diesen Mechanismus machen sich nun Spekulanten zunutze: Sie kaufen solche Lieferscheine etwa für Weizen günstig ein und wetten auf einen Preisanstieg. Wenn das Getreide dann am vereinbarten Liefertag tatsächlich teurer ist, machen sie Kasse.
Mittlerweile sieht es für Fachleute so aus, als hätten Finanzinvestoren kurzerhand gleich den ganzen Markt gekapert. Sie kaufen wie wild Futures und treiben die Preise kurzfristig weiter in die Höhe. So verdoppelte sich etwa der Preis für Reis seit vergangenem August - auch für die 500.000 Tonnen, die die Philippinen in ihrer Not Anfang Mai kaufen wollen. ... Inzwischen ,,, halten die Finanzinvestoren die Rechte an zwei kompletten Jahresproduktionen der in Chicago gehandelten Weizensorte "Soft Red Winter Wheat".
Einfache Marktgesetze, so scheint es, funktionieren nicht mehr. "Der riesige Kapitalzufluss hat inzwischen dazu geführt, dass die Terminmärkte Angebot und Nachfrage nicht mehr widerspiegeln", sagt Todd Kemp vom amerikanischen Getreide- und Futterverband. Und am wildesten wetten die Investoren ausgerechnet mit den Grundnahrungsmitteln. Dass am anderen Ende der Welt Versorgungsengpässe und Hungertote die Folge sein können, ist auf ihren Kurszetteln nicht vermerkt."
.
.
Das Handelsblatt berichtet:
Spekulatives Kapital führt zu Rohstoff-Exzessen
.
Rohstoffe gewinnen als Anlageklasse an Bedeutung. Die Analysten der Citigroup glauben, dass allein der Zufluss spekulativ orientierter Anlagegelder in Rohstoffe im ersten Quartal 2008 um 20 Prozent auf 400 Mrd. Dollar gestiegen ist.
.
Dieser breite Zufluss von Kapital – der spekulativ und nicht realwirtschaftlich orientiert ist – hat starke Exzesse ausgelöst und gerade die Preise „monetärer Rohstoffe“ wie Gold und Silber kräftig in die Höhe getrieben. Dass aus solchen Exzessen immense Risiken resultieren, erleben Anleger zurzeit, denn Gold und Silber sind von ihren zyklischen Hochs bei 1 030 bzw. bei 21,25 Dollar je Feinunze auf nur noch 863 bzw. 16,60 Dollar zurückgefallen. „Die Volatilität an den Rohstoffmärkten ist ein Monster“, sagt Brad Cole vom in Chicago ansässigen Hedge-Fonds Cole Partners.
Geld arbeitet nicht

