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komplexe Realitäten auf Ideologie reduzieren?
Zwei aktuelle Beiträge zur Krise an den Finanzmärkten zeigen auf, mit welcher Unkenntnis selbst Fachjournalisten das Geschehen in der Finanzwirtschaft kommentieren. Es sind die Artikel Pleiten, Crash und Panik von Michael R. Krätke in der Zeitschrift Freitag und der Artikel Ostergeschenk für JP Morgan von Lucas Zeise in der FTD
An diesen zwei Artikeln offenbart sich, zu welchen Fehleinschätzungen man gelangen kann, wenn man die grundsätzlichen Änderungen in den Strukturen vernachlässigt, die sich seit dem Ende des Bretton-Wood Systems in der Finanzwirtschaft vollzogen haben. Wir haben es heute nicht mehr nur mit einem System zu tun, welches allein für die Allokation von Kapital zuständig ist, also der Vermittlung von Krediten von Sparern zu Unternehmen. Daneben hat sich das mit Vermögensverwaltung (asset management) und Investmentbanking umschriebene Tätigkeitsfeld in der Finanzwirtschaft etabliert, in welchem es um die Umverteilung von nicht in der Realwirtschaft eingesetzten Geldern geht. Mit dieser Tätigkeit wird kein wirtschaftlicher Mehrwert geschaffen.
Diese zwei Tätigkeitsfelder der Banken sind klar voneinander zu trennen. Auch organisatorisch ist dieses im Bankensystem durch die Differenzierung nach Kredit- und Wertpapierbanken klar nachzuvollziehen. Die Tatsache, dass Universalbanken beide Felder abdecken, ändert hieran nichts.
Doch der mainstream der Kommentatoren nimmt diese Differenzierung nicht zur Kenntnis (oder ist sich derer gar nicht bewusst?). So stuft Krätke die Investmentbank Bear Sterns offenbar als Geschäftsbank ein, welche die Einlagen von Sparern verwaltet, wenn er schreibt:
"Wie konnte ein Player wie Bear Stearns, der vor einem Jahr noch 20 Milliarden Dollar wert war, innerhalb von Tagen zusammenbrechen? Ganz einfach, die Bank steckte bis zum Hals in Hypothekenkrediten, die sie nicht mehr refinanzieren konnte, sie musste für das Geschäftsjahr 2007 Verluste von 1,9 Milliarden Dollar eingestehen. Ihr Kurs versackte, der Run auf die Einlagen begann, die Kunden wollten ihr Geld zurück."
Zeise stellt diese falsche Behauptung richtig, wenn er darauf hinweist, dass Bear Stearns keine Kundengelder verwaltet:
"Als Brokerbank betreibt das Unternehmen kein Passivgeschäft, hat also keine Kundeneinlagen. Ein Run auf die Bank wäre also nicht zu befürchten."
Zeise beschreibt zutreffend das Geschäft der Investmentbank:
"Bear Stearns ist (war) ein wichtiger Spieler in vielen Bondmärkten und im Kreditversicherungsmarkt, den Credit Default Swaps, sie war Hausbroker vieler Hedge-Fonds und Gegenpartei für eine Vielzahl anderer Investmentbanken."
Hinzuweisen ist darauf, dass "Gegenpartei" nichts anderes heißt als "Wettgegner", also jemand der in einer Wette die Gegenposition einnimmt. Als Broker hat Bear Sterns mit Finanzprodukten, auch solchen, die sich von Hypotheken ableiten, gehandelt und dabei mehr Produkte eingeworben als es weiterverkaufen konnte, ist also schlicht auf seiner "Handelsware" sitzen geblieben. (Es bedarf einer besonderen Ausführung, dass bei diesem Handel der Preis der Produkte nicht nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage gebildet wird, sondern Zentralorgane wie Ratingagenturen eine große Rolle spielen) Dabei ist ihr zum Verhängnis geworden, dass sie diese "Ware" kreditfinanziert hat. Mit den Worten von Zeise:
"Die Leitartikler der Financial Times beschreiben die Firma als eine "Verschuldungsmaschine", die mit einem Eigenkapital von nur 11,8 Mrd. $ eine Bilanzsumme von 395 Mrd. $ stemmt. Der Crash eines solchen Schuldners kann bei Gläubigern und Gegenparteien verheerende Wirkungen haben und sie ihrerseits konkursreif machen."
Hier wurden also Kredite aufgenommen, um damit Wetten zu tätigen bzw. mit Wettscheinen - nichts anderes sind moderne Finanzprodukte - zu handeln. Zeise fordert, diese Zockerei auch noch mit dem Instrument der Geldschöpfung durch die Zentralbanken zu unterstützen:
"Da hat der Gesetzgeber auf Drängen der Bankenlobby die sinnvolle Trennung von Kredit- und Wertpapierbanken abgeschafft, es dann aber versäumt, die Fed zu beauftragen, den Zugang zum Zentralbankgeld ebenfalls zu liberalisieren."
Damit offenbart Zeise, dass auch er nicht wahrnimmt (oder verdrängt?), dass mit diesen Geschäften kein wirtschaftlicher Mehrwert generiert wird. Gravierender ist, dass er übersieht, dass wenn Geldschöpfung nicht für das Schaffen von Mehrwert in der Realwirtschaft reserviert bleibt, sondern für Zockerei im Casino eingesetzt wird, die Hyperinflation garantiert ist. Dieser Gefahr hat sich hat die amerikanische FED ausgesetzt, als sie den Brokerhäusern einen Kreditrahmen von 400 Mrd. Dollar eingeräumt hat. Geldschöpfung beruht auf dem Prinzip, dass mit den von den Zentralbanken ausgegebenen Krediten Mehrwert geschaffen wird, aus dem die Kredite samt Zins zurückgezahlt werden und das als Anschubfinanzierung ausgegebene Geld der Zentralbanken von diesen wieder eingezogen wird. Mit Wetten kann kein Mehrwert geschaffen werden, der die Rückzahlung der Kredite an die Zentralbanken ermöglicht!
Die ganze Zwiespältigkeit der Zeise Argumentation wird deutlich, wenn er gleichzeitig fordert:
"Verschuldungsmaschinen wie Bear Stearns und die Mehrzahl der Hedge- und Private-Equity-Fonds müssen vom Markt verschwinden."
Neue Verschuldungsmöglichkeiten bei gleichzeitiger Abschaffung von Verschuldungsmaschinen passen nicht zusammen. Derartige Fehlschlüsse ergeben sich, wenn man seine Vorschläge aus falschen Prämissen ableitet. Eine klare Analyse der Strukturen und Tätigkeitsfelder der Finanzwirtschaft sollte man schon vornehmen, bevor man wohlfeile Vorschläge unterbreitet.
Das gilt auch für den Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck, der auf den Nachdenkseiten
unter dem Titel Die wollen nur spielen - Banker verzocken Milliarden und rufen dann nach dem Staat als Retter durch die Praxis mehrfach falsifizierte Lehrbuchweisheiten verbreitet und ähnlich seinen neoliberalen Widersachern seinen Kopf in den Sand steckt, um seine Ideologie nicht an der Realität messen zu müssen: "Banken machen immer das Gleiche: Sie leihen Geld über relativ kurze Fristen und verleihen es über längere Fristen. Dabei ist Geld zu verdienen, weil die Zinsen für lange Fristen höher sind als die für die kurzen." Damit negiert er den tiefgreifenden Strukturwandel der Finanzwirtschaft und argumentiert ebenso wie Erwin Huber, Bayerischer Staatsminister der Finanzen, der in der Süddeutschen Zeitung Kund tut, dass Fondsgelder stets dem Wirtschaftskreislauf zur Verfügung stehen. (Huber und Flassbeck streiten allerdings über die richtige Finanzierung für staatliche Vorsorgefonds)
Wie soll eine adäquate Regulierung der Exzesse in der Finanzwirtschaft erfolgen, wenn Publizisten, Wirtschaftswissenschaftler und Politiker sich der Realität verweigern und statt dessen ihren Glaubenssätzen nachhängen? Wer die Theorie über die Realität stellt ist ein Ideologe und kann zur Lösung von Problemen kaum etwas beitragen.
Geld arbeitet nicht

